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Pressestimmen

tz, Reinhold Unger schrieb
Acht Tage lang schlängelten sich ungewöhnliche Linien durch München. Sie führten vom Jazz zur Neuen Musik, kreuzten sich mit Literatur, Film und Fotokunst. Und: Diese „jazz lines“ wurden vom Münchner Publikum aufmerksam verfolgt. Die tz hat sich am letzten Festival-Wochenende in der Muffathalle umgehört.
Der Jazz, so viel wurde deutlich, ist ein Allesfresser. Jedwedes Material machen sich die heutigen improvisierenden  Generationen lustvoll zu eigen.
Das Trio Das Kapital etwa verfremdete und ironisierte das Pathos von Hanns Eislers Arbeiterliedern in Free Jazz-Stahlbädern und Rock-Gewittern. Noch genialischer jonglierte Django Bates mit Versatzstücken von Charlie Parker. Das Trio des englischen Tasten-Derwischs zerlegte die Bebop-Hymnen in Motiv-Puzzle und setzte sie mit genialischem Spieltrieb wieder so zusammen, dass sie wieder wie neu klangen.
An Kimmo Pohjonen schieden sich die Geister. Wo die einen den „Jimi Hendrix des Akkordeons“ erlebt zu haben glaubten, wollten andere nur eine „substanzlose Show“ gesehen haben. Sagen wir’s mal so: Der brachiale Finne mag ein effekthaschender Schaumschläger sein – aber er mischt diesem Schaum durchaus raffinierte Aromen bei.
Die beleben auch die Musik von Rauschebart Trygve Seim – allerdings weitaus subtiler. Wie der Norweger akkordgesättigte Klangmassive aufschichtet, in denen sich nordische Melancholie mit orientalischen Melismen treffen – das hat Klasse. Wie auch die Solo(b)session von Pianist Bojan Z. Mit Leidenschaft und Spielwitz attackierte der Serbe Flügel und E-Piano gleichzeitig: Ach, hätte er doch vier Arme!
Fred Frith (Gitarre), Louis Sclavis (Klarinetten) und Jean-Pierre Drouet (Perkussion) sorgten mit ihre sperrigen Klangforschungen ausgerechnet am ersten echten Biergartenabend des Jahres erst für eine volle Muffathalle, dann für hochgespannte Konzentration und schließlich stürmischen Jubel. Wenn es noch eines Beweises bedurfte, dass die „jazz lines“ in München angekommen sind – hier war er. Auf ein Neues 2013! 

Der Standard aus Wien vom 25.3.2011:
Augsburger Allgemeine vom 1.4.2011
Süddeutsche Zeitung vom 2.4.2011

 

Autor:  Klaus von Seckendorff
Datum: 8.4.2011

Münchner Festival "Jazz Lines"

Grenz-Abenteuer

Zwischen Avantgarde, Störmanövern und Hochkultur: Beim Münchner Festival „Jazz Lines“ dieses Jahr zu hören und zu sehen waren unter andrem eine Neuvertonung eines Lotte-Reiniger-Trickfilms und eine Suite zu Ehren der Fotografin Tina Modotti.

Landauf, landab spielen Orchester Wolfgang Zellers Musik zu einem der ersten abendfüllenden Trickfilme, Lotte Reinigers „Abenteuer des Prinzen Achmed“ (1923). Weiß der Himmel, warum sich die Kurt-Weill-Gesellschaft auf eine „verlorene Tonspur“ berief, als sie eine neue Vertonung in Auftrag gab. Vier Wochen nach der Uraufführung in Weimar hatte der französische Jazzbassist Renaud Garcia-Fons ein zweites Mal Gelegenheit, seine aufwändig arrangierte Musik zu diesem Film präsentieren.

Sie stand am letzten Wochenende der „Jazz Lines“ auf dem Programm, eines avantgarde-betonten Festivals für improvisierte Musik, das alle zwei Jahre Münchner Spielorte nutzt. Grenzüberschreitungen standen diesmal auf dem Programm, nicht als längst selbstverständliche stilistische Offenheit, sondern als Antwort auf die Frage, „nach welchen Künsten das Herz des Jazz heute schlägt“, so Hortensia Völckers, künstlerische Direktorin der Kulturstiftung des Bundes, die eine erhebliche Summe beisteuerte.

Beim Film hat die Begegnung zweier Künste lange Tradition, die Renaud Garcia-Fons kurz aufgreift, wenn lautmalerisches Hufgetrappel zu hören ist. Vor allem aber setzt er auf Improvisation bei der orientalisch gefärbten Musik seines Quintetts, mit Blick auf Monitore, in enger Anlehnung an Filmgeschehen und Schnitt. So wirkt seine Vertonung eigenständiger als die Wolfgang Zellers, gewinnt größere Aufmerksamkeit, ohne dass der Film dadurch kannibalisiert würde.

Porträts des Mittleren Westens

Den Franzosen gelang ein Ausweg aus dem Dilemma, dass Filmmusik aus tausendfach gefestigter Gewohnheit als sekundär wahrgenommen wird. Eine überzeugende Synthese zweier Medien, reibungsarm brav allerdings wie schon zur Festivaleröffnung die Kombination von Bill Frisells zwischen Country, Bluegrass und Jazz changierender Musik mit Porträtfotos des Amerikaners Michael Disfarmer aus den 30er und 40er Jahren. Ohne detaillierte Synchronisierung mit der Diashow auf zwei verschieden kadrierten Leinwänden verstärken Frisells „Musical Porträts from Heber Springs“ die Melancholie, die selbst noch im seltenen Lächeln der Kleinstadtbewohner aus dem Mittleren Westen zu finden ist.

Gleich von Anfang an wurden die „Jazz Lines“ ihrem Ruf als fern vom Mainstream angesiedeltes Festival gerecht. Im Mittelpunkt stand zunächst eine Fotografin, aber bei der neunteiligen „Suite for Tina Modotti“ des Francesco Bearzatti Tinisima Quartetts waren allein die Musiker dafür zuständig, dass es fürs Auge ungewöhnlich zuging. Trompeter Giovanni Falzone erinnerte mit zappeligen Störmanövern am Schalltrichter seiner Trompete an seinen französischen Kollegen Médéric Collignon. Trauermarsch und Anarchoklänge, ein beamtisch aussehender Bassist, der wüste Grooves fabriziert: Diese Italiener waren die personifizierte Grenzüberschreitung.

Und dann doch wieder Hochkultur: Das Münchner Kammerorchester spielt in der Allerheiligenhofkirche nicht nur Lutoslawski und Scelsi und Beat Furrer, sondern auch Bilder: Grafiken, mit denen Roman Haubenstock den Interpreten seiner „Konstellationen“ aus dem Jahr 1960 vermittelt, woran sie sich bei großer improvisatorischer Freiheit orientieren sollen.

Das improvisierende Orchester

Getragen wird die Spontaneität von improvisationserfahrenen Musikern wie dem Holzbläser Frank Gratkowski. Die Improvisatoren stehen links und rechts unterhalb der Bühne, orientieren sich selbstbewusst am Dirigenten Beat Furrer, der für das Orchester eine ganz andere Rolle spielt: Rettungsanker in ungewohnter Gefahr. „Hab ich was falsch gemacht“ fragen die Blicke eines Streichers, als er sich hervor wagt aus dem bei Orchesterstärke zwangsläufig nicht ganz spontan gewebten Teppich, auf dem die Aktionen von Bläser und Bassist, Schlagzeuger und Trompeter fußen. Mut macht hier Erstaunliches möglich: Musik gewordene Bilder eines Komponisten, dessen Partituren auch für Galerien attraktiv sind.

Und doch verdankt das Festival sein spannendstes Konzert drei Heroen der freien Improvisation. Beim Gitarristen Fred Frith und dem hier wenig bekannten Percussionisten Jean Pierre Drouet wird noch der seltsamste Alltagsgegenstand zum Musikinstrument. Louis Sclavis verwendet seine Klarinetten ähnlich konventionsfrei. Mal trägt ein subtiler Puls die Rhythmik, mal explodiert die Gitarre.

Lärm für das Statement

Und Drouet, der 76-Jährige am elektronisch verstärkten Tapeziertisch, auf dem er zerrt und schiebt, was immer zur Klangerzeugung taugt? Er ist einer der wenigen wahren Grenzgänger, die auf Berio und Xenakis ebenso setzen können wie Max Roach und John McLaughlin. Wenn er nicht gerade seinen Kollegen mit seltsam deplatziert wirkenden Vogelgezwitscher-Sounds in die Parade fährt, ist Drouet die Verkörperung dessen, was die „Jazz Lines“ vermitteln wollen: Er ist einer jener Musiker, die für ein starkes Statement allen Lärm dieser Welt integrieren können. Die zu singen anfangen, ohne Sänger zu sein. Die auf theatralische Mittel zu setzen wissen, obwohl sie keine Schauspieler sind, und mit ihrer Erzählkunst manche Vertreter der Neuen Musik blass aussehen lassen.

Es braucht keine Videos, um Festivalbesuchern das Hirn frei zu pusten. Es braucht nur drei ältere Herren, die souverän mit ihren Instrumenten und Einfällen umgehen, die sich auch von den Tabus der Avantgarde losgesagt haben und gerüstet sind für ein Zusammenspiel zwischen Kindergeburtstagsfreuden und Verweisen auf das Bedrohliche der herrschenden Verhältnisse.


Foto: Ralf Dombrowsk
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